Vor knapp über 30 Fans fand gestern im VIP-Raum des Stadion am Zoo der kurzfristig einberufene Fannachmittag für Mitglieder des Wuppertaler Sportverein e.V. statt. Grund war die tags zuvor, ebenfalls kurzfristig, einberufene Pressekonferenz. Kernthema war die Restrukturierung des Vereins. Anwesend für Erklärungen und Antworten auf Fragen waren aus dem Vorstand Ralf Bartsch (Finanzen), Marc Schulz (Kommunikation und Strategie) sowie der Rechtsanwalt Jan Blum (Kanzlei Runkel) und Carlos Marquis (Kanzlei ATN). Die Moderation übernahm Jürgen Harmke.
Restrukturierungsverfahren?
„Ich verstehe, dass manche wütend oder sauer sind. Nach der Pressekonferenz habe ich gesagt, dass ich für das eigene Seelenheil erst einmal drei Stunden nicht mehr in das Forum gucke“, leitete Vorstand Marc Schulz seine Rede ein. „Doch wir haben auch wahnsinnig viel Unterstützung bekommen. Es gibt einen User, den ich sehr gerne bei Rot-Blau.com lese. Er schrieb: Ich unterstütze den Vorstand, aber ich erwarte auch, dass er diskret und transparent ist.“ Weiter: „Das sind eigentlich zwei unterschiedliche Dinge. Diskret heißt, wir wollen nicht, dass alles direkt nach außen kommt und zum Beispiel bei RevierSport steht und dann mit Hammer und einem Ausrufezeichen. Transparent heißt, dass wir euch als Mitglieder frühzeitig informieren wollen.“ Zu einem weiteren User: „Ich habe auch bei Rot-Blau.com gelesen, dass die Frage aufkam wie hoch die Verbindlichkeiten sind. Das können wir heute leider noch nicht sagen.“
Hinterfragt uns!
„Wir wollen etwas langfristiges und nicht immer neue Trainer und Spieler holen. Damit es nicht immer wieder zu Probleme kommt, sind alle gefragt sich zu überlegen, ob unsere Kontrollmechanismen ausreichend sind. Vielleicht muss man bei der Mitgliederversammlung auch mal kritischer hinterfragen, was da vom Vorstand kommt. Hinterfragt uns“, so Marc Schulz. „Am allerliebsten persönlich und nicht nur im Forum. Nur wenn ihr uns Fragen stellen könnt, entsteht mehr Vertrauen. Ralf Bartsch und ich sind im Vorstand, weil wir etwas langfristig aufbauen wollen.“
Ralf Bartsch: „Wir sind keine Bestattungsunternehmer. Wir wollen den Verein, der auch ein Unternehmen in dieser Größenordnung ist, unternehmerisch führen. Wir sehen jetzt einen anderen Weg für die Zukunft.“ Angst braucht niemand zu haben: „Die Spieler bekommen ihre Gehälter, wir zahlen unsere Mieten und Rechnungen. Wir machen das seriös und nachhaltig als zukünftig seriöser Partner. Kein Spieler bekommt irgendwann mal 14 Tage später sein Gehalt, das ist nicht das wofür ich als Unternehmer und Vorstand der Finanzen stehe. Wenn es mal zur Schieflage kommt, werden wir das frühzeitig erkennen und dagegen arbeiten. Es ist euer Verein, also hinterfragt uns. Ihr habt auch die Pflicht uns zu hinterfragen. Auch der Verwaltungsrat als Kontrollorgan. Für die kommende Zeit ist alles safe. Alles ist gesichert und wir werden nicht pleite gehen! Es ist jetzt der einzig richtige Weg.“
Auch Lennart Strufe will „das Schiff wieder in sichere Gefilde führen.“ Der Etat steht weiterhin. „Es ist noch ein bisschen verfügbar. Das wird noch investiert werden. Wir suchen noch einen defensiv zentralen Mittelfeldspieler und einen offensiven Außenbahnspieler. Am besten mit Drittliga-Erfahrung. Ihr könnt mir auch gerne einen Sechser zeigen, der wenig Geld kostet.“ Aktuell ist der Kader, auch durch verletzte Spieler „sehr schmal.“ Zum Spiel in Velbert: „Dann werden wir Sonntag den ersten Dreier einfahren.“
Bei der Vorstellung von Jan Blum der Runkel Rechtsanwälte, in Vertretung für Sachwalter Dr. Jens Schmidt, freute sich Marc Schulz: „Wir freuen uns sehr, dass wir einen Wuppertaler Kanzlei für einen Sachwalter gewinnen konnten.“ Jan Blum erklärte, dass die vertretende Rolle seiner Person und Kanzlei eher im Hintergrund agiert. „Wir denken, dass dieser Schritt eine Riesenchance für den Verein bietet.“
Die Fragerunde
Die Mitglieder haben im Anschluss ihre Fragen gestellt.
Frage: Entweder löse ich es selbst und erzähle es nicht oder ich gehe in die Insolvenz. Was hat dieser Zwischenweg für einen Vorteil und Konsequenzen?
„Es ist ein Restrukturierungsverfahren in Eigenverwaltung. Der Vorstand kann weiter entscheiden und das Verfahren entsprechend führen.“, so Rechtsanwalt Blum. „Die Altlasten sollen so geregelt werden, dass es für einen gesunden WSV weiter geht.“
Frage: Waren die Zahlen auf der letzten Jahreshauptversammlung gefälscht?
Marc Schulz: „Unsere Aufgabe ist es den WSV zukünftig und gegenwärtig neu aufzustellen. Alles war war, dürfen die Mitglieder gerne diskutieren. Wir sind damals mit dem Gefühl angetreten, dass mit diesem Verein etwas nicht stimmt und, dass dieser Verein nicht so finanziell aufgestellt ist wie es uns erzählt wird und wie wir uns das vorstellen. Dann sind wir mit überwältigender Mehrheit gewählt worden. Wir haben es uns angeguckt und sind mindestens bestätigt, wenn nicht sogar übertroffen worden. Wir als WSV beteiligen uns ansonsten an den Spielchen nicht, das gab es in der Vergangenheit zu häufig.“
Frage: Kann man trotzdem im Ergebnis in die Insolvenz gehen?
Jan Blum: „Dieses Eigenverwaltungsverfahren bekommt man nicht geschenkt, es ist ein besonderes Verfahren. Man muss zeigen, dass man durchfinanziert ist, sonst bekommt man es nicht. Unsere Planung heute zeigt, dass wir durchfinanziert sind. Stand heute. Wir gehen davon aus, dieses mit Erfolg abzuschließen.“
Frage: Ist dieses Verfahren aus eigenem Antrieb geschehen?
Marc Schulz: „Wir sind von den Umständen gedrängt worden.“
Frage: Auf der letzten JHV waren die Verbindlichkeiten bei 18.000 Euro. Wurden die weiteren Defizite erst jetzt festgestellt?
„Damals habe ich gesagt, dass man da anders und kritischer herangehen muss. Aber wir machen kein Schuldspiel“, so Marc Schulz. „Ein hoher sechsstelliger Betrag ist eine Diskrepanz. Jetzt haben wir die Buchhaltung auf einen richtigen Stand gebracht und zurück nach Wuppertal. Das Gericht traut uns zu, dass wir das managen. Auf rechtliche Fragestellungen können wir leider nicht eingehen.“
Frage: Bei Insolvenz gibt es 6 oder 9 Punkte Abzug. Passiert das bei diesem Verfahren ebenfalls?
Marc Schulz: „Wir sind seit gestern in diesem Verfahren. Wir haben mit dem Verband noch nicht darüber gesprochen. Wir haben schon Gespräche geführt, aber über die Vorstellung des neuen Vorstands. Über solche Konsequenzen gab es noch keine Gespräche. Auch hier werden wir von der Kanzlei ATN beraten. Diese Saison sprechen wir nicht von Aufstieg. Für die Oberliga sind wir ein echter Hingucker. Sogar geiler und attraktiver als die Freunde aus Krefeld, würde ich sagen.“
Frage: Gab es noch nie einen ähnlichen Präzedenzfall?
Lennart Strufe: „Es gibt Verfahren, da wurden Punkte abgezogen und welche, da wurden keine abgezogen.“ Marc Schulz warf noch ein: „Wir haben mit Herrn Wolfgang Jades gesprochen. Dem Eindruck nach hat man sich gefreut, dass wir frühzeitig uns vorgestellt haben.“
Frage: Wie lange dauert das Verfahren?
Jan Blum: „Wir wollen es so schnell wie möglich beendet. Wir gucken realistisch betrachtet in der 1. Quartal 2027.“
Frage: Mit wie vielen Zuschauern wird kalkuliert?
Ralf Bartsch: „Wir rechnen bei Heimspielen im Schnitt mit 1.500 zahlenden Zuschauern plus Dauerkarten. Aufgrund der letzten Saison, wo wir 1.500 hatten, ist das realistisch. Denn Lennart hat uns versprochen alles wird viel besser und erfolgreicher. Und wir haben interessante Gegner in der Liga. Die 1.500 sind durchaus realistisch. Wenn man 500 zahlende Zuschauer pro Spiel noch mehr hätte, bedeutet das 85.000 Euro mehr Einnahmen pro Saison für den WSV. Da seid ihr auch als Fans gefragt, uns zu unterstützen. Die Kosten für Security sind aufgrund der vielen Eingangstore hoch. Die Kosten sind immer auf das Stadion und nicht die Menge ausgelegt. Die 1.500 Zuschauer sind schon konservativ gerechnet.“ Marc Schulz warf noch ein: „Neben den Zuschauer- und Sponsoreneinnahmen sind die Mitgliedereinnahmen sehr wichtig beim WSV. Da wollen wir mehr Angebote schaffen. Auch, dass ihr Informationen schneller bekommt als der geneigte Leser der Medien. Das sind verlässliche Einnahmen, mit denen wir jedes Jahr kalkulieren können.“
Frage: Wie viele Dauerkarten hat der WSV derzeit abgesetzt?
Ralf Bartsch: „Wir haben aktuell 386 Dauerkarten verkauft. Das ist zum Vergleich des Vorjahres mit 410 minimal weniger. Aber wir haben noch die Zeit vor dem ersten Spiel. In etwa kommen wir auf die gleiche Zahl wie letzte Saison. Deswegen haben wir auch die Zuschauerzahlen auf Basis der letzten Saison kalkuliert. Die meisten Heimspiele finden freitagsabends statt. Wir wollen da auch den Amateurvereinen, die sonst am Wochenende spielen, aus dem Weg gehen.“ Bartsch hofft, dass diese dann auch mal zum WSV kommen.
Frage: Handelt es sich um § 270 nach der Insolvenzordnung, also um eine Insolvenz in Eigenverwaltung?
Rechtsanwalt Jan Blum: „Das ist richtig. Es ist ein Eigenverwaltungsverfahren. Es bleibt in Eigenregie.“ Ralf Bartsch merkte noch zum Wort Insolvenz an: „Weil es juristisch nicht passt.“
Frage: Wie will der Verein finanzielle Schäden durch Fans verhindern?
Lennart Strufe: „Ich habe auch mit den Capos der Ultras gesprochen. Meist sind es nur ein bis zwei. Den Ultras ist das bewusst und sie wollen auch vorsichtig agieren.“ Ralf Bartsch: „Die Strafen bisher waren eine fünfstellige Summe, aber keine große. Doch jeder Euro zählt, auch 100 Euro sind für uns viel Geld. Wir haben knapp 15.000 Euro an Strafen gezahlt. Das Geisterspiel gegen Schonnebeck war schon finanziell nicht ganz unerheblich.“ Strufe ergänzte noch: „Die Ultrabewegung hat rund 2.500 Euro aus ihrem Kreis gespendet.“
Frage: Der damalige Finanzvorstand, Dr. Jochen Leonhardt, berichtete, dass damals über die Spielbetriebs GmbH noch eine Abwicklung mit siebenstelligen Raten offen seien. Sind die in der sechsstelligen Summe schon mit drin?
Ralf Bartsch: „Der WSV hat aus dieser gegründeten Spielbetriebs GmbH keine Verbindlichkeiten.“
Frage: Wie will der WSV zukünftig solche Fehlbeträge verhindern?
Ralf Bartsch: „Wir wollen den Verein führen wie ein Unternehmen. Damit man unter dem Strich sieht, was dabei herauskommt.“
Frage: Wer hat das Recht und die Befugnis auf Einsicht?
Ralf Bartsch zu den Mitgliedern: „Ihr. Und der Verwaltungsrat, er ist euer Kontrollorgan. Er hat das Recht immer und jederzeit Zugriff auf alle Unterlagen zu nehmen.“ Marc Schulz: „Vielleicht müssen wir uns als Mitglieder auch immer hinterfragen. Vielleicht hört man zukünftiger nochmal genauer hin, was der Vorstand sagt. Wir versuchen unser bestes mit bestem Gewissen zu geben, aber ihr sollt auch nachfragen.“
Am Ende bekamen die Protagonisten noch weiter Zuspruch und Applaus von den anwesenden Mitgliedern.
Den ausführlichen Bericht der vorherigen Pressekonferenz gibt es hier.







